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die geschichte von dona margarita
gestern beim fotografieren spricht mich eine alte frau an, was ich da mache. ich sag, fotos.
ah, um sie mit zu dir nach hause zu nehmen?
ja.
sie sagt, hier in dieser straße gibt es 8 häuser, die sind alle sehr schön.
ich sag ja, dass kann man schon von hier aus sehen.
sie sagt sie wohne schon seit 1943 in diesem viertel.
ich frag sie, ob sie gerne hier wohne.
sie sagt das müsse sie wohl, denn hier sei ihr nest, ihr zuhause.
sie fragt mich, ob ich nicht auch ihre geschichte mitnehmen will.
überlege kurz und sag ja.
dann müssten wir zu ihr nach hause gehen, weil sie nicht mehr so lange stehen könnte. diese einfamilienhäuser hier seien schön, aber diese hochhäuser seien nicht gut.
sie erzählt, sie sei in einer deutschsprachigen nachbarschaft aufgewachsen und hätte früher auch deutsch gesprochen. das hätte sie von den kindern auf der straße gelernt, die noch kein portugiesisch sprachen. aber jetzt wäre english besser. sie sei auch in deutschland gewesen, in frankfurt und hätte dort in diesem restaurant gegessen, das sich dreht. ihre tochter, die sie bevor wir uns trafen verabschiedet hätte, sei nun mit einem muslim verheiratet.
wir setzen uns vor ihrem haus.
wie ich heiße? martin.
und sie? margarita, ich bin portugisisch, da heißen alle so.
sie hätte 1949 geheiratet und eine tochter bekommen.
dann wären zwillinge geboren, aber wieder gestorben.
dann hätte gott ihr eine tochter ins herz geboren, das wäre sehr schön, die hätte sie sehr lieb.
sie hätte 15 jahre ehrenamtlich für eine blindenorganisation gearbeitet und dann wäre sie eine der gründerinnen des vereins zur unterstützung von kindern und jugendlichen mit krebs gewesen. 2500 kinder hätten sie dort und jeden monat kämen 700 zur sprechstunde. sie hätten das krankenhaus mit spenden aufgebaut die sie durch den verkauf von kalendern erzielt hätten, wie die in england. nur seien sie nicht nackt gewesen. ihr fotos sei auch dabei, sie hätte eine hose angehabt und blumen vor der brust. und das foto sei von der seite aufgenommen. sie hätte auch in ihren gebeten gott gebeten, ihr ihr diplom noch nicht zu geben, sie müsse noch mit den kindern weiterarbeiten. wenn der chef nicht mehr da ist, läuft auch die arbeit nicht mehr. sie sei erst 85, erst! und sie bäte gott, ihr ihr diplom noch nicht zu geben, denn sie müsse noch mit ihren kindern arbeiten.
sie verstehe nicht und es würde sie sehr traurig machen, vor allem in brasilien aber auch in anderen ländern, dass es so viele arme menschen gäbe, obwohl doch von allem soviel da wäre, das aber nur wenige für sich anhäufen. sie sei eine bescheidene person, so wie ihr haus hier. und die ganzen kriege dort, im wie heißt es gleich, iran, irak, das seien doch alles menschen wie wir. wir sind doch alle gleich: schneidet sich jemand, blutet es und tut weh. alle gleich.
sie habe auch keine probleme mit deutschen, vielleicht, weil sie in der deutschen nachbarschaft aufgewachsen sei, sie wisse es nicht. mit engländern schon eher, die trügen die nase zu hoch. aber mit wem sie garnicht könnte, das wären die amerikaner. ob ich schon wüsste, dass es da welche gäbe die sich gegen ihren präsidenten verbünden: so einen präsidenten wollen wir nicht! und sich die haare rasieren. wegen der hautfarbe, schwarz. aber wir sind doch alle gleich: schneidet sich jemand, blutet es und tut weh. alle gleich. sie glaube auch, es würde einen krieg geben, der die ganze welt ergriffe. sie frage sich, wie gott das zulassen könne.
ich sag, er hat uns die verantwortung übergeben.
ja, aber wir können nicht damit umgehen.
sie müsse mir auch noch sagen, dass sie sich mit ihrem mann nie gestritten habe. er sei vor ein paar jahren gegangen. ob ich eine frau hätte? natürlich, wenn man anfängt zu diskutieren, dann müsse einer sagen: ja, aber lass uns morgen nochmal drüber reden. und dann bringt er blumen mit oder sie macht ihm was leckeres zu essen und? wieder gut. das gelte aber nicht nur für mann und frau, sondern auch für alle anderen, nicht sich reinsteigern, sondern erstmal etwas zeit vergehen lassen. genauso bei kindern. ob ich kinder hätte? ich solle meiner frau sagen, sie dürfe nie nein sagen, sondern müsse versuchen, die aufmerksamkeit abzulenken. wenn sie das nein erstmal kennen würden, dann wüssten sie: ach, nein. so würden sie zu menschen erzogen, die vertrauen in sich selbst hätten. sie habe auch nie bei meinem mann an den kleidern gerochen oder in den hosentaschen gewühlt. jeder ist für das was er tut selbst verantwortlich. aber wehe wenn nicht! da ist die tür. es sei ja nicht so, dass sie keine fehler gemacht hätte. ich sollte es nicht persönlich nehmen, aber es wäre natürlich ein fehler gewesen, mich mitzunehmen. aber so sei sie nunmal, schon als kind sei es so gewesen, sie wäre etwas anders als andere. aber sie fühlte etwas in sich, und dann würde sie es einfach tun. und wenn ich ihre geschichte zu hause erzählte, würden alle sagen: ach, das sind doch nur die hirngespinste einer alten frau. aber das ist nicht so.
ich sage, da brauche sie sich keine sorgen machen, ihre gedanken seien sehr aktuell. ich frag, ob sie ihre pädagogischen ideen schon aufgeschrieben hätte? sie sagt, sie sei keine pädagogin, aber wenn jemand das aufschreiben könnte dann wäre es ihr arzt, der wüsste alles.
ihr mann sei beim militär gewesen und hätte 44 auch fast in den krieg gemusst. aber er sei davon gekommen. es hätte geheißen entweder du bleibst hier und arbeitest in der munitionsfabrik oder du musst gehen. es seien ja damals so viele junge menschen umgekommen.
ich zieh meine mütze auf und sag: dona margarita, ich muss mich jetzt verabschieden. es war mir ein vergnügen ihre geschichte zu hören und ich werde sie auf jeden fall mitnehmen. |